Der Brüder Heinrich und Thomas Mann Herkunft und Lebensverhältnisse der Eltern und Großeltern
Eine Ausarbeitung von Philipp Hauer. 29.10.2007. ©
Die Vorfahren väterlicherseits
Die Geschichte der Familie Mann, von jeher eng mit der Tradition Lübecks verbunden, begann bereits im 16. Jahrhundert.
Der Urgroßvater der Gebrüder Mann, Johann Siegmund Mann, wurde 1761 in Rostock geboren und siedelte im Jahre 1775 als Kaufmannslehrling aus Mecklenburg nach Lübeck um, wo er 1790 eine eigene Firma gründete: „Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäft“. Das Unternehmen spezialisierte sich auf den Getreidehandel und profitierte von Lübecks strategischer Lage als bedeutende Ostsee-Hafenstadt der Hanse. Johann Siegmund Mann besaß mehrere Getreidespeicher entlang der Trave-Kais und heiratete Anna Catharina Grotjan. Er starb 1848 als angesehener Bürger der Hansestadt.
Dessen Sohn, der Großvater Thomas und Heinrich Manns, Johann Siegmund Mann jun., wurde 1797 geboren und trat bereits 1823 als Teilhaber in die väterliche Firma ein. In erster Ehe war er mit Emilie Wunderlich, der Tochter des Senators Thomas Günther Wunderlich, verheiratet. Nach ihrem frühen Tod heiratete er 1837 Elisabeth Marty, die Tochter eines wohlhabenden, schweizerisch abstammenden Kaufmanns der reformierten Gemeinde Lübecks. 1841 erwarb er das Haus in der Mengstraße 4, das später als Vorbild für das berühmte Buddenbrook-Haus dienen sollte. Darüber hinaus übernahm er 1844 die konsularische Vertretung der Niederlande in Lübeck – ein weiteres Zeichen seines gesellschaftlichen Ansehens.
Aus der zweiten Ehe ging am 22. August 1840 Thomas Johann Heinrich Mann hervor, der Vater der Gebrüder Mann. Dieser besuchte das Katharineum zu Lübeck, verließ die Schule jedoch vorzeitig, um eine kaufmännische Laufbahn einzuschlagen. Mit 22 Jahren übernahm er (ebenso wie sein Vater zuvor) die Firma seines Urgroßvaters. Am 19. Februar 1877 wurde er zum Senator für Wirtschaft und Finanzen der Hansestadt Lübeck ernannt. Damit war er der zweitwichtigste Politiker der Stadt – gleich nach dem Bürgermeister Lübecks.
Thomas Mann schätzte seinen Vater für seine Arbeitssamkeit und sein Ansehen:
„Ich sah […] den bewunderten, mit furchtsamer Zärtlichkeit geliebten Mann des Tages, meinen Vater, weltgewandt ein Jahrhundert bürgerlicher Tüchtigkeit repräsentieren, und mein Herz war beklommen.“
Sowohl für Thomas Mann als auch für Heinrich Mann war ihr Vater die dominante Figur und das geheime Vorbild für ihre dichterischen Tätigkeiten. Auch Heinrich Mann würdigte seinen Vater:
„Unser Vater arbeitete mit derselben Gewissenhaftigkeit für sein Haus wie für das öffentliche Wohl. Weder das eine noch das andere würde er dem Ungefähr überlassen. […] Es gibt kein Genie außerhalb der Geschäftsstunden.“
Die Vorfahren mütterlicherseits
Der Lübecker Kaufmann Johann Ludwig Hermann Bruhns, der Großvater Thomas und Heinrich Manns mütterlicherseits, wurde 1821 in Lübeck geboren und wanderte als Jugendlicher nach Brasilien aus, wo er Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen erwarb und bewirtschaftete. Sein Hauptbesitz war die Fazenda Boa Vista, eine Zuckerplantage in der Nähe von Paraty in der Provinz Rio de Janeiro, mit direktem Zugang zum Meer. 1848 heiratete er Maria Luisa da Silva, die Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers mit portugiesischer Abstammung.
Am 14. August 1851 kam Julia da Silva Bruhns, die Mutter der Gebrüder Mann, in Paraty zur Welt. Ihr Kindheitsname war „Dodo“. Als Maria da Silva Bruhns bei der Geburt eines weiteren Kindes stirbt, siedelte die gesamte Familie Bruhns 1858 nach Lübeck um. Die siebenjährige Julia sprach bei ihrer Ankunft kein einziges Wort Deutsch und es wurde ihr untersagt, Portugiesisch zu sprechen. Johann Ludwig Bruhns fühlte sich bald sehr unwohl in der protestantischen Enge der Hansestadt und kehrte nach Brasilien zurück, wobei er Julia mit ihren Schwestern im Mädchenpensionat von Therese Bousset in Lübeck zurückließ, wo sie bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr verblieb. Nur zu gut, kann man sich den Kulturschock der jungen Julia vorstellen, als sie von der tropischen Plantation in Brasilien in den kühlen, strengen Norden Deutschlands gebracht wird.
Obwohl sie am 4. Juni 1869, im Alter von nur 17 Jahren, den zwölf Jahre älteren Thomas Johann Heinrich Mann heiratete und als eine der schönsten Frauen Lübecks galt, blieb sie für die traditionsbewusste hanseatische Kaufmannwelt, der ihr Mann angehörte, stets ein Fremdwesen. Dass sie sich nie wirklich wohl fühlte, zeigt sich, als sie nach dem Tod ihres Mannes aus Lübeck fortzog. Ihr südländisches, lebensfrohes Temperament vertrug sich nicht mit der kalten Strenge Lübecks. Ihre musische Art und ihre Leidenschaftlichkeit übertrüg sie auf ihre Kinder, Thomas und Heinrich Mann.
Thomas Mann beschrieb seine Mutter als Frau der schönen Künste:
„Ihre sinnlich-praeartistische Natur äußert sich in Musikalität, geschmackvollem, bürgerlich ausgebildetem Klavierspiel und einer feinen Gesangskunst, der ich meine gute Kenntnis des deutschen Liedes verdanke.“
Das Leben der Familie Mann
Thomas und Heinrich Mann wuchsen in einer wohlhabenden, angesehenen und kinderreichen Familie auf. Insgesamt 5 Kinder hatten Thomas Johann Heinrich Mann und seine Frau Julia: 1871 Luiz Heinrich, 1875 Paul Thomas, 1877 Julia Elisabeth Therese, 1881 Carla Augusta Olga Maria und schließlich 1890 Carl Viktor. Sie lebten seit jeher in wohlhabenden Verhältnissen, denen sie ihrem Vater, dem Senator, verdankten. So ließ der Vater 1881 vom Architekten Julius Grube eine elegante Familienvilla in der Beckergrube 52 errichten, in die die Familie einzog. Daneben besaßen sie ein zweites Heim – das alte Familienhaus in der Mengstraße 4, in dem die Großmutter Elisabeth Marty bis zu ihrem Tod 1890 wohnte und das später als Vorbild für das berühmte Buddenbrook-Haus diente. Ebenso verbrachten die Manns ihre Ferien oft im Seebad Travemünde, wo ein unbeschwertes Leben möglich wurde – eine willkommene Abwechslung zum strengen Leben in der Lübecker Innenstadt.
Folglich fehlte es der Familie Mann materiell an nichts, was den Kindern eine gehegte und glückliche Kindheit ermöglichte.
Doch nicht alle Aspekte der Jugend der Brüder Mann waren glücklich. So bereitete das preußische Schulsystem Thomas und Heinrich große Schwierigkeiten. Ihre literarischen und musischen Vorlieben wurden nicht gefördert. Sie litten unter den Unterrichtsanforderungen und flüchteten in intellektuellen Träumereien.
Nichtsdestotrotz war im Leben der Manns auch Zeit für Muse: So besuchten sie - das Fable für Literatur und Musik von ihrer Mutter geerbt - oft das Theater; fernab von der bedrückenden, mittelalterlichen Atmosphäre der Schule und der Stadt.
Die Kindheit Thomas‘ und Heinrichs war zwar zum einem geprägt vom finanziellen Wohlstand, aber auch von Langeweile und Enge. Umso größer war das Verlangen auszubrechen aus ihrer kalten, öden Umwelt, welches sie letztendlich mit dem Schreiben, dem Abtauchen in eine andere Welt, befriedigen konnten.
Heinrich selbst beschreibt Lübeck als Stadt der Kaufleute, die sich über das Geld definieren und lehnt diese Lebensweise entschieden ab.
Auch Thomas‘ Texte sind gekennzeichnet vom jugendlichen Aufbäumen gegen die bürgerliche Welt Lübecks. So schreibt er:
„Unser Lübeck ist eine gute Stadt. Oh, eine ganz vorzügliche Stadt! Doch will es mich oftmals bedünken, als gliche sie jenem Grasplatz, bedeckt mit Staub, und bedürfte des Frühlingssturms, der kraftvoll das Leben herauswühlt aus der erstickenden Hülle.“
Der Vater Thomas Johann Heinrich Mann ließ seinen Kindern eine praktische, strenge Erziehung angedeihen – typisch für die arbeitssame Lübecker Kaufmannsgesellschaft. Noch im Mai 1890 feierte die Firma ihr hundertjähriges Bestehen. Doch als der Vater erkannte, dass seine Kinder sich nicht nach seinen Wünschen entwickelten, verfügte er in seinem Testament die Auflösung der Firma und den Verkauf des Familienhauses, da er seine Söhne für ungeeignet hielt, sein traditionsreiches Unternehmen fortzuführen. Er hinterließ seiner Familie ein Vermögen von etwa 400.000 Mark, wobei die Familie lediglich die Zinsen des Kapitals erhielt, das von Treuhändern verwaltet wurde. Am 13. Oktober 1891 starb Thomas Johann Heinrich Mann im Alter von nur 51 Jahren an den Folgen eines Blasenleidens.
Nach dem Tod des Vaters war nun für Julia Mann und die Kinder endgültig kein Platz in der bürgerlich kaufmännischen Welt der Hansestadt. Julia überwachte die Auflösung der Firma und den Verkauf des Hauses, wie es das Testament vorsah, und zog 1893 mit den jüngeren Kindern nach München, wo sie sich im Stadtteil Schwabing niederließ und einen künstlerischen Salon führte. Ihre Erinnerungen an die idyllische Kindheit in Brasilien hielt sie in einem Manuskript fest, das posthum 1958 unter dem Titel „Aus Dodos Kindheit“ veröffentlicht wurde. Julia Mann starb am 11. März 1923 im Alter von 71 Jahren.
Einflüsse auf das Schaffen der Gebrüder Mann
Obwohl sowohl Heinrich als auch Thomas Mann Lübeck mit 18 Jahren verlassen, ist ihr späteres Schaffen gekennzeichnet von der Hansestadt. So beschreibt Heinrich Mann die Hafengegend Lübecks in seinem Roman Professor Unrat. Thomas Mann verwendet die „Institution der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnutziger Tätigkeiten“ in seinem Doktor Faustus. Ebenso beeinflusste Lübeck das Erscheinungsbild der Stadt Kaisersaschern in diesem Roman, sowie Thomas Manns Buddenbrooks.
Auch die Einflüsse und das Leiden der Manns unter dem preußischen Schulsystem spiegeln sich in ihren Werken wieder. So beschreibt Heinrich Mann in Professor Unrat den Untergang eines Gymnasialprofessors und Thomas Mann lässt Hanno in Buddenbrooks ebenso unter der Schule leiden wie einst er selbst.
Auch die Erinnerungen an das Spiel mit dem Puppentheater im Kinderzimmer findet in den Buddenbrooks Eingang. So spielt der kleine Hanno ebenso gerne mit dem Puppentheater wie Heinrich und später Thomas Mann selber.
Zusammenfassung
Wären die Gebrüder Mann nicht in Lübeck als Sohn eines reichen, tüchtigen Kaufmanns und einer leidenschaftlichen, musischen Brasilianerin großgeworden, wären ihre Werke nicht das, was sie heute sind: geprägt von der Herkunft und den Lebensverhältnissen ihrer Eltern.
Der Wohlstand ihres Vaters erlaubt ihnen sich der mütterlichen Muse und dem Intellektuellem zuzuwenden. So begannen beide zu schreiben und verarbeiteten dabei auch ihre Erfahrungen, die sie in ihrer Jugend in Lübeck gemacht haben. Professor Unrat, Doktor Faustus und natürlich Die Buddenbrooks sind voller Anspielungen auf ihre Heimat.
„Ohne Familien- und Heimatsinn, ohne Liebe zu Familie und Heimat werden Bücher wie Buddenbrooks nicht geschrieben.“, Thomas Mann, 1905
Quellen und Weblinks
- "Die Manns - Eine Schriftstellerfamilie. Austellungsführer". Katalogheft zur ständigen Ausstellung "Die Manns - eine schriftstellerfamilie" im Buddenbrookshaus Lübeck. Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum.
- Kurzporträt Thomas Mann und Kurzporträt Heinrich Mann von Hans-Werner Gey (lyrikwelt.de)