Nathan der Weise Eine fiktive Rede des Tempelherren an Nathans Grab.

Eine Rede von Philipp Hauer. Vorgetragen am 03.04.2006 am Richard-Wossidlo-Gymnasium. ©

Vorwort

Fiktive Situation: Nathan ist gestorben und der Tempelherr hält eine Rede an seinem Grab, in der auf die Beziehung zwischen Nathan und ihm eingeht und Nathan würdigt. Wichtig hierbei ist auch die Entwicklung, die der Tempelherr durchgemacht hat und die dieser reflektiert ("Nathan der weise Erzieher").

Die Grabrede

TEMPELHERR. (an Nathans Grabstätte tretend)
Nun steh ich hier an deinem Grab, Nathan... Vater. Doch wohl Vater, denn was du für meine Schwester Blanda bist, das bist du auch für mich. Jedoch der Weg zu dieser Erkenntnis war wahrlich beschwerlich.
(Pause)

Nie werd ich den Tag vergessen, an dem ich dich zum ersten Mal traf. Ich, Tor, wollte den Dank deiner geliebten Tochter nicht. Ich war verbittert und des Lebens müde. Tat ich doch nur die Pflicht eines jeden Tempelherren, als ich Recha aus den Flammen rettete. Doch du beeindrucktest mich mit deiner Weisheit. Wie wahr deine Worte waren. Du sätest in mir die Samen der Toleranz, deiner Toleranz. Denn egal, ob Jud, ob Christ, ob Muselmann: alles war dir gleich. Nicht einmal deinen eigenen Glauben stelltest du über den von anderen. Wahrlich! Das war wohl auch der Grund, warum Saladin dir ebenfalls verfallen war. Genauso wie er wurde ich dein Freund.

Und so war ich dann auch gewillt, Recha zu treffen. Oh Recha... Oh Nathan, dein Samen der Toleranz begann zu keimen, denn ich liebte Recha von dem ersten Augenblick an - ganz gleich, ob sie ein Judenmädchen war oder nicht.

Doch die Dummheit folgte auf dem Fuße: Die Närrin Daja erzählte mir die Wahrheit über Recha. Doch war nicht ich der viel größere Narr? Der Narr, der zum Patriarchen lief und dich somit in Lebensgefahr brachte? Jawohl, der war ich! Ich verfluchte dich wegen deines Raubes an der Christenheit. Doch ist ein Raub ein Raub, wenn er menschlicher nicht sein könnte?

Der Schaden indes war entstanden. Ach, wie sehr ich bereue. Vergebt mir, Nathan! Ich werde des Anflehens nicht müde...
(Pause)

Später trafen wir uns auf den Weg zu Saladin. Ich bat dich, mir Recha zu geben, zu lassen, damit ich mit ihr leben kann. Doch du zögertest und ich erboste... Wieder einmal warst du klüger als ich. Klüger als wir alle, denn du wusstest, dass ich und Recha - nein, Blanda - Geschwister sind. Das war der Grund, warum du sie mir nicht geben wolltest: Sie gehörte unlängst zu mir. Ebenso wie Saladin - mein Onkel -, Sittah - meine Tante - und natürlich Assad, mein Vater und des Sultans Bruder. Einzig du gehörtest nicht dazu. Nicht dazu? Und ob! Denn du bist der wichtigste Teil unserer Familie. Gleich, ob leiblich oder nicht. Du bist unser aller Vater. Ohne dich wären wir nicht vereint.

Mein Dank, meine Verehrung und meine Liebe sei dir gewiss.

Ruhe in Frieden...

(bedächtig vom Grab ab)

Kommentare

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huybuhhhhhh 2014-05-19 21:18:49
wahrlich treffende worte
ein wunderbarer abschluss meines erachtens nach
arold 2013-06-05 20:28:03
sehr gut geschrieben! lessing hätte es nicht besser gekonnt. es rundet die geschichte ab! sollte in den anhang:)
mindije 2012-01-04 13:06:20
ohh.. voll schön wenn man so nachdenkt...war kurz vorm heulen.. :(

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